1915: Unbekannter Autor: Neuste Dresdner Nachrichten - Nachruf auf Anton von Werner in den Dresdner Neusten Nachrichten
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Der letzte Geschichtsmaler. Und da die Entwicklung der Kunst längst andre Wege ging, ragte Anton v. Werner wie der Ueberlebende einer fernen Zeit in unsre Jahre hinein. Als echter Künstler durchglüht von der Ueberzeugung, daß seine Erfassung der Kunst die richtige sei. Als starkes Temperament ein Streiter für seine Ueberzeugung. Hätte er ruhig seine Bilder gemalt, in Atelier und Akademie still gewirkt, er wäre nicht in solchem Grade der Repräsentant seiner Richtung geworden. Aber seine polemisehe Lust, seine Freude am Angriff, war so groß, daß er in Programmreden und Kundgebungen immer wieder die Jüngeren und Jüngsten warnte, bedrohte und beklagte, daß er die Moderne bekämpfte, wo sie sich ihm stellte, daß er allein seinen Einfluß mobilisierte, um die neuere Malerei zu befehden. Der Kampf wurde angenommen. Die nach ihm kamen, überschütteten ihn mit Spott und Hohn, versagten ihm alle Achtung, versuchten, ihn lächerlich zu machen. Er zählte zu den am heftigsten befeindeten Persönlichkeiten Deutschlands.
Was ihn über den Durchschnitt hoch hinaushob war die ans Meisterliche reichende Technik seiner Zeichnerhand. Wer die Skizzen zu seinem Sedanpanorama, zu seinem Proklamationsbild, seine Bildnisstudien betrachtet, wird nicht allein die sichere und scharfe Linie des Realisten, sondern auch die Feinheit bewundern, mit der er seine Beobachtungen abrundete.beweisen diese Arbeiten, dass v. W.s Begabung in ihrem stärksten Teil auf dem Gebiete großzügiger dekorativer Malerei lag, für die er von Jugend auf technisch vorgebildet war und die seiner vielseitig gewandten, rasch zupackenden Natur am besten zusagte.
Seine ungewöhnliche Begabung zu scharfer Beobachtung und zu rascher, treffender Wiedergabe hat A. v. W. in besonderem MaBe als Zeichner bewahrt und in der großen Zahl seiner Bildnisstudien eine Galerie seiner bedeutenden Zeitgenossen geschaffen, die in ihrer nüchternen, zuverlässigen Treue für die Nachwelt grollen Wert besitzt.
Im Zeichnerischen und in der Komposition liegt der Schwerpunkt von A. v. W.s Kunst überhaupt ; ein Kolorist war er nicht trotz seiner Veranlagung zur malerischen Dekoration. Das Berechnete, Verstandesmäßige überwiegt bei ihm und läßt das rein Gefühlsmäßige der Kunst fast überall vermissen.
Bei allen Einseitigkeiten und Schwachen aber war A. v. W.s markante Persönlichkeit doch eine der interessantesten Künstlererscheinungen des 19. Jahrhunderts.
Zusammenfassung
Ein meisterlicher Zeichner, über den die Zeit hinweggegangen ist.
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- 🔗 Anton v. Werner ✝ in 🔗Wolff, Julius Ferdinand (Red.) (Di, 05.01.1915) Dresdner Neueste Nachrichten. Unabhängige Tageszeitung. Jg. 23 Nr. 5. Dresden: Verlag der Dresdner Neusten Nachrichten Wolff und Co, S. 2🔗Externe Seite ⬈ abgerufen am 10.05.2026.
Anlage
14.07.2023
Letzte Änderung
10.02.2024